Gedanken

Morgenandacht

Paradies

Guten Morgen, liebe Zuhörer, liebe Zuhörerinnen! Dumme rennen, Kluge warten, Weise gehen in den Garten.

Dies Wort von Tagore beschreibt Gärten als Orte der Weisheit und Erkenntnis – auch die Gartengeschichten der Bibel. Da ist der erste Garten der Menschheitsgeschichte: Ein Ort, der durch seine Schönheit ideale Lebensbedingungen für ein sorgenfreies Dasein erfüllt.

Die Schöpfungserzählung nennt diesen Garten Eden, übersetzt Wonne: Nur die Mitte dieses Gartens soll unverfügbar bleiben: Ein wunderbarer Baum, der das Geheimnis des Lebens birgt, und nicht in die Hände des Menschen gehört. Aber an diesem Ort der Wonne lebt auch die Schlange. Sie gehört von Anfang an dazu. Sie stellt das Verbot in Frage, die Früchte des Baumes des Lebens zu kosten. Was kann denn schon passieren!? Es ist die verhängnisvollste Frage der Menschheit. Wir neigen dazu, die Folgen unseres Handelns zu verharmlosen. Das bringt den Knacks, die Mitte des Lebens zerbricht: Alles muss der Mensch in die Finger bekommen. Ständig überschreitet er Grenzen, die er nicht überschreiten dürfte. Aber da ist es schon zu spät.

Der Apfel ist vernascht und Adam und Eva müssen den Garten verlassen. Eine belächelte Geschichte besonders für meine Konfirmanden: Der kleine Mundraub der beiden Nackedeis soll die Welt verändern? Dabei geschieht es in jedem Garten auf’s Neue:

Zum Beispiel so: Die Gentechnik hat es fertig gebracht, Erbgut der Ratten in das Erbgut der Salatpflanzen hineinzuzüchten. Im genetischen Code von Ratten findet sich der Schlüssel, um den Vitamin-C Gehalt von Nahrungsmitteln künstlich anzuheben. Im Labor der technischen Universität Virginia baute man Gene der Ratten in das Erbgut des Kopfsalates ein und konnte so die Vitaminproduktion um 700 % steigern.Es ist unwahrscheinlich, dass wir dieses genmanipulierte Grünzeug bald in den Gemüsetheken unserer Supermärkte kaufen können. Der Gedanke ist einfach zu unappetitlich. Aber wie lange wird es dauern bis erfolgsorientierte Geschäftsmacher verharmlosend fragen: Was kann denn schon passieren!? Dann wird eine weitere verhängnisvolle Grenze überschritten.

Welche gesundheitlichen Folgen für uns Menschen der Verzehr von Salat mit Rattengenen hat, ist nicht erforscht. Erst Krankheiten werden diese Forschung erzwingen. Der Vorteil der Gentechnik: In den Gemüseabteilungen unserer Supermärkte wird mit vitaminreichem Salat geworben. Die Erkenntnisse der Gentechnologiekönnen wir nicht zurücknehmen. Aber vielleicht bleibt uns beim erneuten Biss in den in den Apfel ein Stück im Hals stecken, wenn wir die Verantwortung für die Folgen der Gentechnik missachten.

Im ersten Garten der Menschheit wird das menschliche Versagen ausgemessen: Der Erkenntnisgewinn allein zerstört das Leben nicht. Sondern der Missbrauch, es allein zum eigenen Vorteil auszubeuten. Das zerstört unser Leben und das Gleichgewicht ist für immer bedroht. Die Mitte des Gartens, das Zentrum der Schöpfung haben wir nicht auszuplündern. Wenn der Mensch seine Grenzen überschritten hat, tut er es aus Gier. Wenn Gott uns hilft unsere Grenzen neu zu erkennen, ruft er uns zurück zu unserer Aufgabe: Den Garten zu pflegen und zu schützen.

09.03.09, Pfarrerin Viktoria Keil